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Polen boomt - hauptverantwortlich dafür ist die EM. Doch hält der Aufschwung darüber hinaus an? Eine Länderbewertung aus Coface-Sicht.

Die Wirtschaft in Polen brummte 2011 wie in den Vorjahren erneut - auch wenn sie sich im letzten Quartal etwas abschwächte. Die Coface-Analysten befürchten, dass sich dieser leichte Abwärtstrend 2012 wohl leider fortsetzen wird. Ein Grund: Private Haushalte konsumieren weniger. Das liegt vor allem am sinkenden Vertrauen der Verbraucher. Eingefrorene Löhne im öffentlichen Sektor und trübere Aussichten auf dem Arbeitsmarkt tragen ihren Anteil dazu bei. Außerdem hält auch der Inflationsdruck an - 2012 erwarten die Experten eine Inflation von 3,5 Prozent. Die Kaufkraft der Haushalte sinkt deswegen spürbar.

Wichtigster Motor für das Wachstum bleibt der Außenhandel: Der Zloty verliert  an Wert - dadurch nimmt die Wettbewerbsfähigkeit der polnischen Ausfuhren zu. Die allgemein rückläufige Auslandsnachfrage wirkt sich auf Polen außerdem geringer als auf andere Schwellenländer in Europa aus, weil die polnische Wirtschaft weniger offen ist. Konkret: Während die Ausfuhren in der EU im Schnitt 65 Prozent des BIP ausmachen, liegen sie in Polen bei nur 40 Prozent.  Die öffentliche Hand investiert momentan weiterhin kräftig, zum Beispiel in große Infrastrukturprojekte - auch über die Fußballeuropameisterschaft hinaus. Und: Die Produktionskapazitäten der Unternehmen steigt wieder. Ausländer investieren vermehrt direkt und auch Banken vergeben leichter Kredite.
Staatsfinanzen auf dem Weg der Besserung

Weil die polnische Regierung mit dem Plan zur Entwicklung und Konsolidierung der Staatsfinanzen ab 2013 die Maastricht-Kriterien einhalten will, dürfte das öffentliche Defizit von acht Prozent des BIP im Jahr 2010 auf unter vier Prozent in 2012 zurückgehen. Dieser Plan sieht nicht nur eine Anhebung der Mehrwertsteuer um einen Prozentpunkt und das Einfrieren der Steuerklassen, sondern auch Renten-Kürzungen vor. Die Staatsverschuldung sollte sich deshalb unterhalb von 60 Prozent des BIP stabilisieren. Das Defizit in der Leistungsbilanz, von Europäischen Strukturfonds und rückläufigen ausländischen Direktinvestitionen finanziert, wird allerdings mit großer Wahrscheinlichkeit erheblich bleiben. Devisenreserven nehmen 2012 erneut zu.

Das polnische Bankensystem scheint mit Eigenkapitalquoten, die über den Mindestvorschriften von Basel III liegen, relativ solide. Doch auch Polen bleibt von Folgen der Staatsschuldenkrise in Europa nicht verschont: Die Finanzaufsichtsbehörde forderte Banken mit bedeutenden Risiken auf, ihre Rücklagen durch die 2011 erwirtschafteten Gewinne zu stärken. Kreditinstitute vergaben mehr als 60 Prozent der Immobilienkredite an private Haushalte in ausländischen Devisen (hauptsächlich Schweizer Franken). Seit Anfang 2012 deckeln Banken deshalb ihren Anteil auf 42 Prozent um sich so gegen Währungsrisiken zu wappnen.

Die politische Lage im Nachbarland gestaltet sich sehr stabil dar: Seit Juni 2010 ist Bronislaw Komorowski polnischer Staatspräsident. Donald Tusk steht seit Oktober 2007 als Ministerpräsident an der Spitze einer Koalition aus seiner eigenen Mitte-rechts-Partei (PO) und der polnischen Bauernpartei (PSA). Die Polen bestätigten bei den allgemeinen Wahlen im Oktober 2011 diese Koalition. Der Abbau des Haushaltsdefizits hat für die Regierung oberste Priorität: Sie erklärte den Beitritt zur Euro-Zone zum Ziel, auch wenn sie dafür noch keinen konkreten Termin nannte.
Wie Polen zahlt

Typische Zahlungsweisen in Polen sind weder Wechsel noch Scheck. Der Grund dafür: Das gültige Erstellen dieser Zahlungsmittel hängt von bestimmten Formen und Vorschriften ab – oft eine langwierige Angelegenheit. In der Vergangenheit war es in Polen deshalb sowohl zwischen Privatpersonen als auch im Geschäftsverkehr üblich, mit Bargeld zu bezahlen. Seit im August 2004 jedoch das Gesetz über die Freiheit der wirtschaftlichen Betätigung in Kraft trat, müssen Unternehmen  Zahlungen in Höhe von mehr als 15 000 Euro über ein Bankkonto abwickeln. Dies gilt auch, wenn Zahlungen in mehreren Raten erfolgen.

Ein in anderen Ländern eher unbekanntes Zahlungsmittel ist der sogenannte Blankowechsel. Hierbei handelt es sich um einen Solawechsel, der zum Zeitpunkt der Ausstellung jedoch nicht vollständig ausgefüllt wird. Aussteller und Begünstigter vereinbaren zwar vorher den Betrag, Zahlungsort und Termin, vermerken aber nur das Wort „Wechsel“ und die Unterschrift des Ausstellers. Die Unterschrift gilt als unwiderrufliches Zahlungsversprechen. Es wird zum vorher vereinbarten Zeitpunkt eingelöst. Dieses Zahlungsmittel ist in Polen weitverbreitet und bietet sowohl bei einem Handelsvertrag als auch bei Ratenzahlungen eine Zahlungsgarantie.

Inzwischen stellt jedoch die Banküberweisung das üblichste Zahlungsmittel dar. Nach Phasen der Privatisierung und der Konzentration haben sich die polnischen Banken an das SWIFT-System angeschlossen.

Soweit möglich, raten Experten von einem Verfahren vor Ort aufgrund der einzuhaltenden Formvorschriften, der hohen Verfahrenskosten und der langen Bearbeitungszeiten durch die Gerichte ab. Um einen vollstreckbaren Titel zu erlangen muss man von einem Zeitraum von fast zwei Jahren ausgehen. Gründe: Der Mangel an erfahrenen Richtern und die unzureichende Materialausstattung. Polen bemüht sich allerdings sehr, die Effizienz der Gerichte zu verbessern.

 

 

-Mit freundlicher Genehmigung der Firma Coface-